Abdülhamid, aka Nordenfelt II - 1:100
von Dirk Rabenschlag
Als mein erstes Nebenprojekt zu meiner Massena, die L'Arrogante fertig war, brauchte ich ein neues, um Zeiten von Lustlosigkeit und Frustration zu überwinden. In dem Buch "Bizarre Ships of the 19th Century" des Autors John Guthrie, der Bibel aller victorianophien, julevernesken and überhaupt steampunkigen Schiffsmodellbauer (wie mich) fand ich einen Plan der Nordenfelt II, des zweiten U-Bottes entworfen von dem schwedischen Erfinder Thorsten Nordenfelt zusammen mit dem britischen Kirchenmann und U-Boot-Enthusiasten George Garrett. Da ihr erstes U-Boot, die Nordenfelt I an Griechenland verkauft worden war, wollte das Osmanische Reich unbedingt die nächsten beiden, die Nordenfelt II und III, kaufen, welche dann auch 1886 als Abdülhamid und 1887 als Abdülmecid (die "kleine" Flottenrivalität zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich parallel zu dem großen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg ist durchaus ein interessanter kleiner Nebenschauplatz der neueren Geschichte). Die Abdülhamid war das erste U-Boot welches jemals in getauchtem Zustand einen Torpedo abfeuerte, verottete jedoch in den Folgejahren aufgrund schlechter Wartung im Hafen von Istambul).
Die Abdülhamid war 30 Meter lang und 4 Meter breit. Sie war bewaffnet mit zwei Torpedos (in zwei Rohren) und zwei Nordenfelt Schnellfeuer-Geschützen.
Da alle meine Modelle fahrbereit sein sollen (O.K. dieses soll fahren und eventuell tauchen) kam einzig ein dünner Gfk-Rumpf in Frage. Der erste Schritt war also die Anfertigung eines Urmodelles für den Rumpf.
Der Hauptteil des Rumpfes wurde aus einem 40 mm Buchenholzrundstab gedrechselt. Die - wie man auf Fotos der Abdülhamid sieht - sehr ausgeprägten Nähte zwischen den einzelnen Segmenten wurden gleich mit angedrechselt. Da, wo später einmal die Luke sein sollte, wurde ein Loch gebohrt und ein Messingrohr eingeklebt, welches so lang war, dass die Öffnung des Röhrchens auf der Höhe lag, auf der später das eigentliche Turmluk liegen sollte.

Dann wurde der kugelförmige "Turm" angebaut. Dafür benutzte ich Zwei-Komponenten-Knetmasse. Diese wurde zusammengeknetet, um das Luken-Röhrchen arrangiert und zurecht modelliert. Die entgültige Formgebung erfolgt durch fleißiges Schleifen und Feilen unter Verwendung zweier Schablonen, die ich aus dem Plan kopierte.

Auch am Turm wurden die beim Original gut sichtbaren Stoßnähte der einzelnen Plattensegmente eingefeilt.
Obwohl der "Art Nouveau"-Stil mit seinen fließenden Linien auf der einen und sehr industriell anmutenden Teilen auf der anderen Seite der Grund sind, weshalb ich die Schiffe der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. so mag, (und speziell französische Kriegsschiffe aus dieser Zeit), bedeuten sie doch eine Menge Probleme für den Modellbauer, da das bedeutet: Keine geraden Linien und keine rechten Winkel. Und genau so war es vorliegend Und eben das war auch das Problem mit der oberen Ruderhacke.. Ich schnitt die Seitenansicht nach dem Plan aus 1 mm ABS aus und klebte sie an die entsprechende Stelle. Für die horizontale Formgebung schnitt ich eine Schablone aus dem Plan aus und zeichnete den Verlauf der Seitenlinien auf dem Kegelförmigen Hinterteil des Rumpfes auf. Der Raum zwischen dieser Linie und dem ABS "Spant" wurde dann wiederum mit Zwei-Komponenten-Knete aufgefüllt und in Form gefeilt und geschmirgelt.

Die beiden Torpedorohre, d.h. die "Nase" auf der Rumpfspitze wurde ähnlich hergestellt (Für den Hauptkörper habe ich allerdings zwei Alu-Röhrchen aufeinander geklebt und mit dünnem ABS überzogen).
Zuletzt musste ich noch die Scheuerleiste am Rumpf anbringen (auch hier: keine vertikalen sondern fließende Linien) und das Loch für den Schornstein bzw. die Schornsteinluke (der Ein/Aus-Schalter und die Ladebuchse wurden unter dem Turmluk und der Schornsteinluke bzw dem Schornstein eingebaut, da das Schiff im fertigen Zustand keinen Zugriff auf die Innereinen mehr erlaubt, d.h. rundrum geschlossen ist).

Als das Urmodell des Rumpfes fertig war, kam die Zeit, eine Form davon herzustellen. Diese sollte zweiteilig sein, eine Form für den oberen und eine für den unteren Teil des Rumpfes. Die Trennlinie sollte entlang der Oberkante der Scheuerleiste verlaufen, so dass die Klebenaht so weit als möglich verdeckt wäre, wenn die Hälften verklebt würden.
Zunächst wurde also mit Kinderknete eine Kante entlang der Trennlinie modelliert. Dann ging die richtige Sauerei los: Anders als bei meinen Formen für Resinabgüsse, die eine sehr flexibele Form benötigen, verwendete ich hier das etwas festere, hitzebeständige Silikon, welches üblicherweise für Zinngussformen verwandt wird. Zunächst mixte ich rund 100 g Silikon und Vulkanisierer und strich es mit einem alten Pinsel auf das Urmodell. Nachdem diese Schicht etwas angezogen hatte (aber noch nicht komplett trocken war, laminierte ich eine Schicht dickeres Glasfasergewebe darauf, welche verhindert, dass die Form beim Abformen reißt. Danach wurden weitere 100 g Silikon aufgetragen, bis der Silikonpanzer eine Dicke von rund 5 mm hatte.

Da die Form trotz des steiferen Silikons und trotz der Glasfasermatte noch immer iemlich schwabbelig war, bekam sie auch noch ein Gipskoersett verpasst.

Nachdem dieses getrocknet war, ging es ans Laminieren.
Für die erste Schicht braucht man etweder einen sogenannten Gel-Coat oder einen Mix aus Epoxy-Harz mit einem Füllstoff (Microballons or Colloidal Silica), welcher verhindert, dass das Harz an senkrechten oder Schrägen Flächen einfach herunterläuft und eine große Pfütze im tiefsten Teil der Form bildet). Gel-coat ist im Wesentlichen nichts anderes als Epoxy, Füllstoff und Färbemittel fertig vorgemischt, hat aber den Nachteil, relativ teuer zu sein (insbesondere, wenn man nicht besonders viel davon braucht) und keine Nöglichkeit zu bieten, die Viskosität der Mischung so einzustellen, wie man sie gerade bnötigt, also benutze ich normales Epoxy und mischte es mit Colloidal Silicia an. Ich hätte auch noch Farbpuder hinzufügen können, aber ich katte keines da, so musste es eben ohne gehen. Die Mischung sollte eine Konsistenz zwischen Ketchup und Senf haben und wird dann in die Form gestrichen. Wenn man etwas mehr Füllstoff verwendet bekommt man einen etwas dichflüssigeren Brei, mit dem man scharfe Kanten abrunden kann, welche ansonsten schwierig werden, wenn man das Glasfaservlies einlaminiert. Beim Streichen sollte man sehr sorgfältig arbeiten, um Blasen an der späteren Oberfläche des Rumpfes zu vermeiden (oder zumndest die Anzahl der Blasen gering zu halten).

Ist diese Schicht aufgetragen, läßt man sie etwas antrockenen (etwa eine Stunde) dann wird die erste Lage Glasfaservlies in die Form laminiert. Ich benutzte einen sehr dünnen (25 g/m2) Glasvlies um einen sehr dünnen und leichten Rumpf zu erhalten. Die Innenseite der mit Gel-Coat bestrichenen Form wird mit Epoxy bestrichen, dann wird das zugeschnittene Vlies in die Form getupft und gerollt, so dass sie überall dicht anliegt. Wieder durfte die Schicht etwas antrocknen, dann wurde eine zweite Schicht Glasfaservles einlaminiert.Zwei Lagen sind definitiv genug für solch einen kleinen Rumpf und geben einen guten Kompromiss aus Steifigkeit und Gewicht (selbst eine Schicht hätte wohl gereicht). Für größere Rümpfe sollte man aber doch mehrere und dickere Glasfasermatten verwenden.
Nachdem das Epoxy komplett getrocknet war (nach etwa acht Stunden) konnten die beiden Halbschalen aus der Form entfernt und die überstehenden Kanten abgeschnitten werden. Verbliebene Blasen wurden verspachtelt und das Ganze dann erstmal grundiert (braucht man natürlich nicht, wenn man Farbpuder verwendet).

Bevor die Hälften nun zusammengeklebt werden konnten, musste das gesamte Innenleben installiert werden, da man später ja nicht mehr an den Innenraum herankommen würde, ohne das Boot zu zerstören.
Ich begann also mit dem Ruder und dem Stevenrohr. Da das Ruder hinter der Schraube sitzt musste ich irgend eine Methode entwickeln, mit der das Stevenrohr durch die Ruderachse geführt werdn konnte.. Die Lösung waren zwei Ruderschäfte, die mit einem Ring verbunden sind, durch den das Stevenrohr läuft.
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Die Ruder und der Propeller wurden mit einem Grafik-Programm gezeichnet, auf Klarsichtfolie ausgedruckt und dann geätzt.
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Die Ruderhälften wurden über einem 1 mm Stahldraht zusammengelegt und dann mit zwei Zangen links und rechts neben dem Draht zusammengepresst. Auf diese Weise bekommt man eine stramm sitzende Durchführung für die Ruderachse.
Für die Schraube benutzte ich das Messingherz eines kleinen M2 Plastikpropellers, den ich mit einem Feuerzeug bearbeitete, bis ich ihn von der Gewindehülse entfernen konnte, hinter dass ich den geätzten Propeller lötete und dann zurecht bog und mit der Unterkante an die Gewindehülse lötete.

Auf die Ätzplatine nahm ich auch Teile für das Nordenfeld Geschütz mit auf. Um dieses zu vervollständigen ergänzete ich diese noch um jeweils vier Läufe aus 0,5 mm Messingdraht, Achsen und Hebel aus 0,3 mm Kupferdraht, geätzte Handräder und ein Magazin aus einem ABS Profil. Das Unterteil ist aus einem gegossenen Resinstab gedreht.

Nun ging es an die RC-Einbauten. Da diese sehr leich sein mussten, verwndete ich spezielle Mikro-Komponenten von www.mikromodellbau.de. Diese wären:
| - MKD-07-10 Glockenankermotor (16 mm lang/7 mm breit, Leerlaufdrehzahl 16900 upm bei 3.7 V) |
| - GWS-JST Mini-40, 4 Kanal/ 40 MHz Empfänger mit Quarz |
| - SC 100 Fahrtregler |
| - 350 mAh Lithium-Polymer-Akku |
| - 2 Modelcraft ES-07 Servos (diese allerdings von Conrad Elektronik) |
Die Sevos wurden liegend installiert. Als Schalter und Ladebuchse benutzte ich Mikrobuchsen, die den Vorteil haben, dass lediglich die Kontaktpins von der Außenseite des Rumpfes nach Innen geführt werden müssen, was es relativ einfach macht, die Sache anzudichten Eingebaut wurden sie, wie schon gesagt unter dem Turmluk und dem Schornstein bzw. der Schornsteinluke.

Danach konnten die Hälften dann verklebt werden.
Blieb noch die Lackierung und damit die Frage aller Vor-Farbfilm-Vorbilder-Modellbauer: In welcher Farbe war das Ding eigentlich gestrichen. Die einzigen Hinweise, die ich dazu hatte, waren einige Zeichnungen und schlechte Fotos, die jeden Schluss zwischen hell- und dunkelgrau oder sogar blau zuließen.Da ich aber meine auf einem Foto des Schiffes im Trockendock einen leichten metallischen Glanz wahrzunehemen, entschied ich, dass das Original gar nicht gestrichen war (was durchaus zu der Tatsache passt, dass, als deutsche Marineangehörige das Schiff 1914 im Hafen von Istambul fanden, dieses so durchgerostet war, dass es aus reinen Sicherheitsgründen auf den Schrott musste) und ihm entsprechend einen Metallic-Anstrich zu verpassen.. Hierfür verwendete ich Model Master Metalizer Farbe, die schnell trochnet und hinterher aufpoliert werden kann. Zunächst wurden sämtliche Vertiefungen mit dem Farbton "Exhaust" vorschattiert, dann wurde die Grundfarbe (ain Mix aus "Exhaust", "Burnt Metal" und etwas "Stainless Steel") aufgetragen, gefolgt von einem leichten Highlight mit purem "Stainless Steel" zur Mitte der jeweiligen Flächen hin. Dies gab dem Schiff eine hübsche Struktur und vermeidet langweilige einfarbige Flächen.

Die Bilder zeigen das Schiff in der Überwasser-Konfiguration mit aufgebautem Schornstein. Im Original konnte dieser abgebaut werden, wenn das Boot tauchen sollte. Dies ist auch beim Modell möglich. In diesem Fall wird das Schornstein-Loch wie auch beim Original mit einer Luke abgedeckt.
Die ersten Fahrversuche auf dem Teich waren zwiesüältig . Der Tiefgang des Schiffs war nicht so groß wie erwartet (wohl wegen der Oberflächenspannung des Wassers - in meinem Waschbecken lag das Boot tiefer im Wasser, das mag aber daran liegen, dass sich dort immer noch Seifenreste finden, die die Oberflächenspannung des Wassers zerstören - die aber nach dem ersten Tauchgang und dem damit verbundenen Brechen der Oberflächenspannung verschwunden sein dürfte). Die Effektivität der Ruder war grauenhaft (was ich befürchtet hatte, da diese hinter dem Propeller sitzen und auch noch relativ klein sind), aber das Schifflein war doch noch manövrierbar. Unglücklicher Weise war die Lipo-Zelle ziemlich leer, so dass ich nicht feststellen konnte ob das Schiff dynamisch tauchte oder nicht, da der Motor insofern weit davon entfernt war genug Druck bzw. Geschwindigkeit zu entwickeln, um das Boot unter Wasser zu drücken. Dieser Test bleibt also noch durchzuführen.
Die Abdülhamid in voller Fahrt (Naja, was man mit ziemlich leerer Lipo-Zelle
so "volle Fahrt" nennt)
